Das Faszinierende an diesem Werk von Cornelius Norbertus Gijsbrechts ist: Die meisten Menschen glauben beim ersten Blick, die Rückseite eines Gemäldes zu sehen.
Doch genau das ist die Täuschung, denn: Die vermeintliche Gemälderückseite IST das eigentliche Bild.
Der flämische Künstler schuf dieses Trompe-l’œil um 1670 bewusst so, dass unser Auge beginnt, an Materialität, Räumlichkeit und Wirklichkeit zu glauben. Und genau darin zeigt sich etwas sehr Menschliches: Wir sehen die Welt selten vollkommen neutral.
Unser Gehirn ergänzt ständig Informationen. Es interpretiert, vergleicht und verdichtet Erfahrungen zu Bedeutungen. Und genau dadurch entsteht Wahrnehmung.
Aber:
Nicht nur in der Kunst, sondern auch in Beziehungen betrachten wir andere Menschen oft durch unsere Hoffnungen, Werte, Sehnsüchte und inneren Erfahrungen. Wir beginnen unbewusst, fehlende Teile selbst zu ergänzen — und halten das entstehende Bild irgendwann für Realität.
Deshalb trifft uns Ent-Täuschung oft so tief. Nicht nur, weil ein Mensch anders war als gedacht, sondern weil etwas zerbricht, das unser Inneres mit aufgebaut hat.
Und genau dort beginnt häufig auch das Misstrauen, denn nach solchen Erfahrungen beginnen viele Menschen irgendwann, vorsichtiger zu werden. Manche ziehen sich emotional zurück, kontrollieren stärker oder verlieren langsam das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Nicht, weil sie „kalt“ geworden wären — sondern weil das Nervensystem versucht, weiteren Schmerz zu verhindern.
Vielleicht hilft es nach einer Ent-Täuschung manchmal, sich nicht sofort zu fragen:
„Wie konnte ich mich so täuschen?“ Sondern:
„Welcher Teil davon war wirklich dieser Mensch — und welcher Teil war das Bild, das mein Inneres daraus gemacht hat?“
Denn genau diese Unterscheidung kann helfen, bewusster, aber weiterhin offen in die nächste Begegnung zu gehen.
Cornelis Norbertus Gijsbrechts
Rückseite eines Gemäldes, 1670
Statens Museum for Kunst, Kopenhagen
In Teil 2 widmen wir uns dann der Frage: Was ist überhaupt „Wirklichkeit“?
Kunst weiterdenken
In meinen Resonanzräumen verbinde ich Kunstgeschichte mit psychologischen und gesellschaftlichen Fragen. Mich interessiert dabei nicht nur, was wir über ein Kunstwerk und seine Zeit erfahren können – sondern auch, was geschieht, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen und Fragen mit in die Betrachtung bringen.
Vielleicht beginnt genau dort eine Begegnung mit Kunst, die über das reine Betrachten hinausgeht.
Was kann entstehen, wenn aus der Begegnung mit Kunst ein Weg wird?
Ein Weg, auf dem Kunst, Kultur und Geschichte nicht nur neue Perspektiven auf die Welt eröffnen – sondern auch auf dein eigenes Leben.