Erzählt unsere Beziehung zum Tod auch etwas über die Verbindung zu unserem Leben?
Memento mori – bedenke, dass du sterblich bist. Wir wissen zwar, dass der Tod zum Leben gehört, und doch haben wir ihn zunehmend aus unserem Alltag verdrängt. Wir sprechen selten über ihn und beschäftigen uns meist erst dann mit ihm, wenn er plötzlich Teil unserer eigenen Lebensgeschichte wird.
Dabei war der Gedanke des Memento mori ursprünglich nicht als Aufforderung gedacht, sich auf den Tod zu konzentrieren. Ganz im Gegenteil.
Besonders im 16. und 17. Jahrhundert entstanden in den Niederlanden zahlreiche Vanitas-Stillleben. Die Symbole, die du auf diesem Bild entdecken kannst, erinnerten an die Vergänglichkeit allen Lebens. Sie sollten ihre Betrachter*innen jedoch nicht in Angst versetzen, sondern eine zeitlose Frage stellen: Wie möchte ich diese begrenzte Zeit gestalten?
Vielleicht besteht genau darin ein Missverständnis, das sich bis heute gehalten hat. Wir verstehen Memento mori oft als Beschäftigung mit dem Tod, dabei ist es eine Beschäftigung mit dem Leben.
Denn sobald wir unsere Endlichkeit nicht mehr ausblenden, verändert sich unser Blick auf das Wesentliche. Fragen rücken in den Vordergrund, die im Alltag leicht verloren gehen. Erst dann wird deutlich, dass Zeit nicht nur eine Ressource ist, sondern der Raum, in dem sich unser Leben entfaltet.
Auch meine Erfahrungen aus der Krisenintervention haben diesen Gedanken immer wieder bestätigt. Wenn Menschen mit ihrer eigenen Endlichkeit oder der eines geliebten Menschen konfrontiert werden, verschieben sich die Maßstäbe. Was selbstverständlich schien, erhält plötzlich ein anderes Gewicht und wird kostbar.
Vielleicht ist der Gedanke an unsere Endlichkeit ein Geschenk, weil er uns hilft, das Leben bewusster wahrzunehmen.
Nicht jeder Tag muss außergewöhnlich sein. Aber vielleicht verdient jeder einzelne Tag unsere Aufmerksamkeit – gerade weil er unwiederbringlich ist.
Könnte genau dort unsere ganz persönliche Liebeserklärung an das Leben beginnen? Was denkst du?
Pieter Claesz
Stillleben mit Totenschädel und Schreibfeder, 1628
The Metropolitan Museum of Art, New York
Kunst weiterdenken
In meinen Resonanzräumen verbinde ich Kunstgeschichte mit psychologischen und gesellschaftlichen Fragen. Mich interessiert dabei nicht nur, was wir über ein Kunstwerk und seine Zeit erfahren können – sondern auch, was geschieht, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen und Fragen mit in die Betrachtung bringen.
Vielleicht beginnt genau dort eine Begegnung mit Kunst, die über das reine Betrachten hinausgeht.
Was kann entstehen, wenn aus der Begegnung mit Kunst ein Weg wird?
Ein Weg, auf dem Kunst, Kultur und Geschichte nicht nur neue Perspektiven auf die Welt eröffnen – sondern auch auf dein eigenes Leben.