Mit diesem Beitrag gebe ich dir einen sehr persönlichen Einblick
Kunst ist nicht immer das schöne Bild an der Wand, das man sofort versteht und gerne ansieht. Sie kann aufwühlen, Fragen hinterlassen und manchmal sogar abstoßen. Weil wir als Betrachtende immer unsere eigene Geschichte mitbringen.
Doch wie ist das in privaten Räumen? Muss Kunst dekorativ sein oder darf sie auch dort irritieren, herausfordern und unbequem werden?
Hier also ein Beispiel aus einer Privatsammlung. „Vergangenheitsbewältigung“ lautet der Titel des Werks. Die Künstlerin zeigt sich selbst, greift dabei jedoch unverkennbar die Bildsprache historischer Hitler-Porträts auf.
Das großformatige Werk bezieht sich auf ein Zitat von Mark Twain: „History doesn’t repeat itself, but it often rhymes.“ Eine monumentale Aufforderung, Geschichte nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sichtbar zu machen – gerade dann, wenn sie unbequem ist.
Auch wir schreiben Geschichte. Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Machtlosigkeit aus. Oft entsteht das Gefühl, den Entscheidungen weniger Akteure ausgeliefert zu sein.
In dieser Machtlosigkeit zeigen sich häufig zwei Reaktionen:
- Manche suchen Schuldige und schließen sich jenen an, die einfache Antworten liefern.
- Andere ziehen sich zurück, ignorieren und hoffen, dass alles vorübergeht.
Beides haben wir in der Geschichte bereits gesehen. Beides ist gefährlich.
Vielleicht gibt es noch einen dritten Weg:
- Hinsehen. Nicht alles kontrollieren zu können und dennoch Verantwortung für den eigenen Handlungsspielraum zu übernehmen.
Vor allem nicht zu ignorieren, was geschieht. Weder häusliche Gewalt nebenan noch die Wiederbelebung nationalsozialistischen Gedankenguts oder Machtbestrebungen, die demokratische Strukturen aushöhlen.
Ich glaube fest daran, dass wir aus Geschichte lernen können, wenn wir bereit sind, sie sichtbar zu halten. Kunst unterstützt uns dabei. Sie erinnert uns daran, hinzusehen.
Valentina Miorandi
Vergangenheitsbewältigung, 2009
Privatbesitz
Du möchtest wissen, in welcher Privatsammlung das Bild hängt und warum?
Nun, es hängt tatsächlich in unserer eigenen Sammlung, also jener, die mein Mann und ich gemeinsam führen. Deshalb ist dieser Beitrag auch ein sehr persönlicher Einblick.
Ja, das Werk irritiert unsere Gäste. Es löst Fragen aus. Manche Menschen bleiben davor stehen und wissen zunächst nicht, was sie davon halten sollen. Andere beginnen sofort, über die Geschichte dahinter oder über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu sprechen.
Genau deshalb hängt es dort.
Vergangenheitsbewältigung bedeutet für mich nicht, Geschichte nur in Museen oder Geschichtsbüchern aufzubewahren. Sie bedeutet, ihr einen Platz in unserem Leben zu geben.
Was mich an diesem Werk besonders bewegt, ist, dass die Künstlerin selbst zur Trägerin der Geschichte wird. Sie zeigt nicht Hitler, sondern sich selbst in einer Bildsprache, die unweigerlich an ihn erinnert. Das verschiebt den zeitlichen Rahmen, wir können uns kaum abgrenzen mit: "Das war damals. Das waren die anderen." Das Bild wirft vielmehr Fragen auf, die zurück zu uns kommen. Welche Anteile dieser Geschichte leben heute noch in unserer Gesellschaft? Wie entstehen autoritäre Tendenzen? Wo beginnt Wegschauen? Wo beginnt Faszination?
Das Werk verschiebt die Verantwortung von der historischen Figur auf die Betrachtenden. Vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke.
Wir werden öfters gefragt, warum wir so ein Bild ins Wohnzimmer hängen. Hier meine persönliche Antwort:
Ich möchte nicht täglich an Hitler erinnert werden. Aber ich möchte täglich daran erinnert werden, dass Geschichte nicht einfach verschwindet, nur weil wir aufhören, über sie zu sprechen. Kunst kann vieles sein – schön, dekorativ, beeindruckend. Dieses Werk erfüllt für mich eine andere Aufgabe. Es erinnert mich daran, hinzusehen.
Und es zu zeigen –in unserem Wohnzimmer ebenso wie hier – ist mein persönlicher Beitrag dazu, Verantwortung für unsere Geschichte zu übernehmen.
Nun eine sehr persönliche Frage an dich:
Was wäre deine erste Reaktion, wenn du diesem Bild in unserem Wohnzimmer begegnen würdest?
Kunst weiterdenken
In meinen Resonanzräumen verbinde ich Kunstgeschichte mit psychologischen und gesellschaftlichen Fragen. Mich interessiert dabei nicht nur, was wir über ein Kunstwerk und seine Zeit erfahren können – sondern auch, was geschieht, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen und Fragen mit in die Betrachtung bringen.
Vielleicht beginnt genau dort eine Begegnung mit Kunst, die über das reine Betrachten hinausgeht.
Was kann entstehen, wenn aus der Begegnung mit Kunst ein Weg wird?
Ein Weg, auf dem Kunst, Kultur und Geschichte nicht nur neue Perspektiven auf die Welt eröffnen – sondern auch auf dein eigenes Leben.